Interview zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Fotobranche – Fotowirtschaft 5/2019

Prof. Dr. Stefan Gröner in der aktuellen Ausgabe der „Fotowirtschaft“ zum Thema Künstliche Intelligenz im Handel und für die Branche:

KI ist für die meisten Menschen immer noch ein sehr abstrakter Begriff. Was verbirgt dahinter konkret?

Zunächst einmal ist KI nichts anderes als der Versuch, Maschinen dazu zu befähigen, das Handeln und Denken von Menschen zu imitieren, Entscheidungen zu treffen und selbstständig Probleme zu lösen. Diese breite Definition wird in weiteren Unterformen spezifiziert. Die wichtigsten sind hierbei das Maschinelle Lernen und das gerade in letzter Zeit sehr breit diskutierte sogenannte Deep Learning.

Wie entsteht „Künstliche Intelligenz“ – erschaffen wir KI oder ist sie ein digitales Perpetuum mobile?

KI ist nach wie vor immer von Menschen initiiert. Und das wird auch auf absehbare Zeit so bleiben. Beim Maschinellen Lernen erkennen Maschinen Eigenschafts- und Verhaltensmuster aus vorhandenen Daten und erstellen auf dieser Basis aus neuen, unbekannten Daten Vorhersagen und Strukturen. Die Daten, die Aufgabenstellung und auch das Lernverfahren wird aber von Menschen bereit gestellt. Selbst bei dem sogenannten unüberwachten Lernen, bei dem die Maschine neue, von Menschen nicht erkennbare Zusammenhänge identifiziert, bleibt das Heft des Handelns immer noch beim Menschen.

Andererseits ist „Künstliche Intelligenz“ oder „machine learning“ ein Buzzword, das schon seit geraumer Zeit in jedem nur denkbaren Kontext herumgeistert. Wo erleben wir KI heute schon in der Praxis, womöglich ohne es zu merken?

In unserem täglichen Leben wird KI beispielsweise beim Spam-Filter im Email-Postfach, bei der Internetsuche auf Google, bei der Gesichtserkennung des Smartphones, den „intelligenten“ Assistenten wie Alexa oder Siri oder auch ganz banal bei den Produkt- oder Filmempfehlung von Amazon, Netflix & Co. sichtbar. Je mehr Maschinen in Zukunft über Sensoren ihre Umgebung wahrnehmen können und miteinander und mit uns kommunizieren können, desto stärker wird sich KI in allen Bereichen unseres täglichen Lebens ausbreiten.

Welche technischen Voraussetzungen erfordert die Nutzung von Künstlicher Intelligenz?

Die vier wesentlichen Säulen der KI-Nutzung sind Algorithmen, Rechnerleistung, Menschen und Daten. Während sich die ersten beiden Anforderungen recht einfach über die Cloud einkaufen lassen, muss für Unternehmen der Fokus auf der Generierung, Zurverfügungstellung und Auswertung von Daten liegen. Ohne Daten und ohne in Bezug auf Data- und Software-Engineering ausgebildete Mitarbeiter kann keine brauchbare KI entwickelt werden. Hierfür müssen aber im ersten Step keine großen Strukturen aufgebaut werden, denn die ersten Erfahrungen mit dem Thema können auch sehr „hands on“ gestaltet werden.

Wir erleben das Aufkommen von KI auch in der Kameratechnik, speziell in Smartphones. Hier helfen Sie mit intelligenten Funktionen bei der Aufnahme besserer Bilder. Etwa durch Gesichtserkennung. Ist das bereits ein veritabler Nutzen für die Möglichkeiten, die KI bietet?

Die Gesichtserkennung auf dem Smartphone ist, wie bereits gesagt, nur eines der möglichen Einsatzfelder. Weitere Möglichkeiten des Einsatzes von Gesichterkennung sind die  Überwachung von Gebäuden oder – etwas exotischer – das automatisierte Spotten von Celebrities für Paparazzis mithilfe von Kameras, die mit Hilfe von KI aus einem Livestream die Stars in relevanten Szenarien erkennen.

Künstliche Intelligenz kann aber in Zukunft im gesamten Imaging Workflow von der Aufnahme über die Bearbeitung sowie Archivierung bis hin zur Ausgabe unterstützend eingesetzt werden.

In Bezug auf die Qualität der Aufnahmen kann die KI beispielsweise Vorschläge zu optimalen Belichtungs- oder Schärfe-Einstellungen, geeigneten Bildmotiven oder -kompositionen geben. Misslungene Porträtaufnahmen und peinliche Selfies werden mehr und mehr der Vergangenheit angehören, denn die KI berechnet den „Goldenen Schnitt“ und die vorteilhafteste Aufnahme automatisch aus. In Zukunft können Social-Media-Nutzer auf Basis von Millionen Internetdaten aus einer Auswahl von Bildern eine Empfehlung darüber erhalten, welches Bild am ehesten geeignet ist, besonders viele Likes auf den sozialen Netzwerken zu generieren.

Auch die nachträglich Bildbearbeitung bietet ein breites Spektrum: Angefangen beim perfekten Freistellen und der Ergänzung fehlender Bildbereiche bis hin zur automatischen Korrektur. Mit der Zeit kann lernt die Bildbearbeitung darüber hinaus KI-gestützt die Vorlieben des Photographen und passt die automatischen Optimierungen entsprechend an.

Ein weiteres Einsatzfeld ist die Sortierung der eigenen Bildbibliothek. Hier erkennt der Algorithmus die abgebildeten Motive, die Location bis hin zu den Emotionen automatisch So können einfach Alben nach bestimmten Themen angelegt oder automatisch Schlagworte vergeben werden, die das Wiederfinden der Bilder erleichtern.

Fotofachhändler haben mit „Big Data“ gemeinhin nichts zu tun. Wo wird KI – außer in den angebotenen Produkten – für den Handel relevant?

KI kann heutzutage in vielen Bereichen des Handels eingesetzt werden. Unternehmen nutzen KI beispielsweise um Vorhersagen über Kundenverhalten zu treffen, Optimierungen für Preise oder Lieferprozesse vorzunehmen, Zielgruppentrends zu erkennen (z.B. über die Analyse von Kundentransaktionen und Marktbewegungen) und personalisierte Angebote zu erstellen. Auch die Auswertung von unstrukturierten Daten (z.B. Social-Media-Einträge) im Hinblick auf die Akzeptanz des eigenen Angebots gehören zu beliebten Einsatzmöglichkeiten von KI im Handel.

Sind den lernenden Maschinen eigentlich in irgendeiner Form „natürliche“ Grenzen gesetzt?

Unbedingt. Denn wirkliche Kreativität ist noch immer den Menschen vorbehalten. Allerdings nur, wenn sich der Mensch darauf konzentriert, immer Neues zu schaffen und viele unterschiedliche Aspekte und Einflüsse in seine Arbeit einzubringen. Denn selbst beim Imitieren von Kreativprozessen bis hin zum fertigen fotorealistischen Bild sind – zumindest für enge Teilbereichen – Google & Co. in der Forschung bereits weit fortgeschritten.

Zum Ende noch ein Streifzug in die Science Fiction: Wann übernehmen die intelligenten Maschinen die Macht auf dem Planeten? 

Eine sich verselbstständigende KI à la Ex Machina oder Terminator ist noch in weiter Ferne. Für den Menschen wird es aber trotzdem in Zukunft immer wichtiger, sich wieder mehr auf die wahren humanen Fähigkeiten wie Mitgefühl, Kreativität oder Witz zu konzentrieren. Denn solche Attribute können nur in gewissen Maßen einprogrammiert werden. Gerade das komplexe Zusammenspiel solcher Eigenschaften in der zwischenmenschlichen Interaktion und das Unvorhersehbare sind ein primär menschliches Hoheitsgebiet. Dazu gehören auch Überraschungen und Streit, Ergriffenheit, Trauer, Spontaneität – alles, was echt ist, individuelle Gefühle hervorruft. Und nach diesen Momenten sucht ja die Photokunst auch bereits seit ihrem Bestehen.