Interview zum Thema „Digitaler Wandel“ (Steirische Wirtschaft)

„Keiner weiß, was die Zukunft bringt“

Am 5. Oktober findet das erste steirische Wissenforum statt. Wir haben Speaker Stefan Gröner vorab zu digitalen Chancen und Risiken befragt.

Herr Gröner, in Ihrem Vortrag beim Wissensforum, aber auch als Professor fürUnternehmenskommunikation und -führung befassen Sie sich mit „digitaler Disruption“. Was muss man sich darunter vorstellen?

Stefan Gröner: Disruption bedeutet nichts anderes als „Zerbrechung“. Das ist nichts Neues, und nichts, wovor man sich fürchten muss. Die Technik verändert sich ständig und damit unser aller Leben. Das gabs schon immer. Disruption auf die Wirtschaft  angewandt sagt aus, dass sich eben durch neue Technologien oder Innovationen neue Zielgruppenbedürfnisse ergeben, die bestehende Geschäftsmodelle bedrohen bzw. auch zerstören können, wenn nicht im Vorfeld die richtigen Maßnahmen ergriffen werden.

Welche Bereiche müssen sich im Besonderen auf die Auswirkungen der „digitale Disruption“ einstellen?

Gröner: Sie wird in den nächsten Jahren alle Branchen tangieren, es kann sich also kein Unternehmen leisten, sich nicht mit den Herausforderungen der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Natürlich gibt es Bereiche, die hier mehr als andere betroffen sind, etwa der Handel, die Finanz- oder die Automobilindustrie.

Wie aber stellt man sich den digitalen Herausforderungen richtig?

Gröner: Es braucht eine ausgewogene Balance zwischen der konzentrierten Weiterführung des Kerngeschäfts und dem Schaffen völlig neuer Produkte bzw. Dienstleistungen.

Völlig neue Wege zu beschreiten ist nicht leicht…

Gröner: Nein, aber genau das braucht es, um den technologischen Wandel als Chance zu begreifen. Man muss den Schritt zur Seite machen und den Markt nicht aus Sicht seines Geschäftsmodells heraus bewerten, sondern die tatsächlichen Zielgruppenbedürfnisse wertfrei in den Fokus nehmen. Die sozialen Medien und die immer stärkere digitale Durchdringung des täglichen Lebens liefern uns jede Menge Daten darüber, was die Menschen bewegt.

Man kann aber nicht alle paar Jahre die Strategie ändern?

Gröner: Das muss man auch nicht, es geht um das generelle Offensein für Neues und die Strategien dahinter, um reagieren zu können.

Nehmen wir die Automobilbranche: Hier laufen sämtliche digitalen Stränge zusammen und die Technik ist auf allerhöchstem Level. Man könnte also annehmen, die Autobauer wüssten genau, wie die mobile Zukunft genau aussieht.

Die Autobauer wissen nicht, was die Zukunft verlangt?

Gröner: Nein, keiner kann das genau vorhersagen. Alles, was wir heute wissen, ist, dass das Hauptzielgruppenbedürfnis der Zukunft eine individuelle und gleichzeitig hoch flexible Mobilität ist. Wie diese aber konkret ausgestaltet sein wird ist schwer zu prognostizieren. Vielleicht ist es ja rein das autonome Fahren, vielleicht fliegen wir auch schon bald oder es setzen sich Hybridformen in Kombination mit dem öffentlichen Verkehr durch. Das macht aber keinen Unterschied für jene Unternehmen, die sich breit aufstellen, die der Zukunft offen gegenüberstehen und die deshalb flexibel auf durch neue technische Möglichkeiten veränderten Zielgruppenbedürfnisse eingehen können – egal in welchem Teilbereich sie hier tätig sind.