Prof. Dr. Stefan Gröner im Interview über „Künstliche Intelligenz“ (Springer Fachmedien November 2017)

Autonomes Fahren ohne künstliche Intelligenz? Geht nicht!

Wie weit die Technik heute ist und was morgen möglich sein, könnte, darüber spricht Prof. Dr. Stefan Gröner.

INTERVIEW: TANJA STRAUSS

Fahrschule: Was versteht man genau unter künstlicher Intelligenz?
Prof. Dr. Stefan Gröner: Das Forschungsgebiet „Künstliche Intelligenz“ (KI) versucht eine menschenähnliche Intelligenz nachzubilden. In Form von Programmierungen werden eindeutige Handlungsvorschriften vorgegeben, mit deren Hilfe vom Menschen definierte Probleme gelöst werden sollen.

Und wie wird KI unseren Alltag künftig verändern?

Ich gehe davon aus, dass unser Alltag schon bald extrem stark vernetzt sein wird – Stichwort: Internet der Dinge. Sucht man zum Beispiel online ein Rezept für den Thermomix für acht Personen, schickt der Kühlschrank automatisch prophylaktisch eine Einkaufsliste der Zutaten aufs Smartphone, die genau für dieses Gericht noch fehlen. Gleichzeitig wird der Kalender mit der nächsten größeren Einladung mit Gästen abgeglichen und rechtzeitig vor dem Termin ein Angebot für den Online-Kauf und die Lieferung des Einkaufs vorbereitet. Generell gilt: Die technologischen Entwicklungen, die Menschen das Leben erleichtern, werden sich früher oder später durchsetzen.

 

In welchen Bereichen wird künstliche Intelligenz noch eingesetzt?

In sehr vielen. In unserem persönlichen Lebensumfeld sind die Spracherkennung „Siri“ von Apple oder „Alexa“ von Amazon Beispiele für künstliche Intelligenzen. Mithilfe von Algorithmen und hohen Prozessorleistungen kann die Spracheingabe in einen Zusammenhang gebracht und die am wahrscheinlichsten geeignete Antwort gegeben werden. Basis dafür ist, dass man über eine große Menge an Daten verfügt. Die Unternehmen, die künfig möglichst viele Daten generieren und diese auch intelligent analysieren, werden die besten Angebote haben. Denn je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto treffgenauer können die Programme über maschinelles Lernen relevante Ergebnisse liefern.

Maschinelles Lernen?

Man versteht darunter Programme, die in der Lage sind, Muster und Gesetzmäßigkeiten zu erkennen, sich auf dieser Basis weiterzubilden und neue Schlüsse zu ziehen. Wissen wird durch Erfahrungen, die die neuronalen Netze oder Rechner machen, neu generiert. Gesichtserkennungsprogramme sind beispielsweise heute schon in der Lage, maschinell zu lernen und bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zu erkennen. Allerdings muss die Technik noch verfeinert werden, denn noch sind Fehleranfälligkeit und Manipulationsmöglichkeit sehr hoch.

Stand heute: Wie intelligent ist künstliche Intelligenz?

Aktuell ist sie so intelligent wie das entsprechende Programm, das vom Menschen geschrieben wurde. Wir sind noch lange davon entfernt, dass Maschinen intelligenter werden als die Menschen und sich ohne menschliches Zutun weiter entwickeln – wie von manchen befürchtet. Die KI-Programme geben genau das wieder, was vom Menschen vorgegeben wird. Ein Beispiel: Es gibt ein Brettspiel namens Go. Das KI- Programm AlphaGo kann inzwischen auch sehr gute Spieler besiegen. Werden aber die Regeln oder das Spielfeld nur marginal verändert, kann der Mensch sich problemlos darauf einstellen, das Programm weiß jedoch nicht mehr, was es tun soll.

Wo stößt künstliche Intelligenz noch an Grenzen?

In der Regel immer dann, wenn unerwartete Situationen auftauchen. Das ist die große Herausforderung, dass es gelingt, dass KI auch solche Situationen beherrscht. Insbesondere im Bereich autonomes Fahren spielt KI eine maßgebliche Rolle. Auf Straßen mit wenigen Störeinflüssen wie beispielsweise auf Autobahnen funktioniert die Technik schon sehr gut. Die autonomen Autos von Google sind mittlerweile mehrere Millionen Kilometer unfallfrei gefahren, aber eben nur auf Straßen mit weitgehend genormten Bedingungen. Anders sieht es im innerstädtischen Verkehr aus: Kinder laufen plötzlich auf die Straße, eine Papiertüte fliegt vors Auto oder eine Baustelle befindet sich auf der Strecke – da tun sich die Systeme noch schwer. Man hat Versuche gemacht, bei denen Verkehrsschilder nur leicht verändert wurden, indem man sie mit Farbe bemalt hat. Jeder Mensch erkennt das Verkehrsschild trotz der Veränderung, die Software im selbstfahrenden Auto im Zweifelsfall aber nicht mehr. In Folge stoppt sie das Auto.

Wie lange wird es noch dauern, bis auch solche Situationen kein Problem mehr darstellen?

Das lässt sich schwer vorhersagen. Ich glaube aber, dass wir bereits in wenigen Jahren in Teilbereichen – wie beispielsweise auf Autobahnen – autonom fahren werden. Im engen Stadtverkehr in der Rush-Hour wird es noch länger dauern. Aber die Technik wird auch das irgendwann hinbekommen. Je mehr Daten und Muster vorliegen, desto eher können Systeme mit der entsprechenden Rechnerleistung in den unterschiedlichsten Situationen die richtige Entscheidung treffen.

In welchen Bereichen beeinflusst KI die Berufswelt von Fahrlehrern?

Vor allem im Bereich des autonomen Fahrens. Rückwärts einparken oder Autobahnfahrten wird künftig der Computer übernehmen. In Folge wird das Thema Normalverkehr in der Ausbildung immer weniger eine Rolle spielen. Vielmehr werden herausfordernde Fahr- und Sicherheitsaspekte stärker in den Fokus rücken, ebenso wie eine flexible und individuelle Mobilität. Man sollte als Fahrschule in Betracht ziehen, sich als Mobilitätsausbilder breit aufzustellen. Eine fundierte Ausbildung in Bezug auf Mobilität wird auch künftig wichtig sein, allerdings wird sich diese vielleicht nicht mehr „nur“ auf das Auto beziehen. Solche Veränderungen bieten natürlich auch Chancen.

Wie wird sich unser Mobilitätsverhalten verändern – auch bedingt durch das autonome Fahren?

Zum einen werden die Themen Entertainment und Vernetzung im Auto an Bedeutung gewinnen. Je mehr Fahrfunktionen die Systeme übernehmen, desto wichtiger werden Aspekte wie Kommunikation und die Nutzung verschiedener medialer Angebote. Das heißt, die Hersteller müssen Schnittstellen zu Video- und Musikangeboten bieten. Meines Erachtens kommt es immer mehr auf das Gesamtpaket eines Autos an, dessen Konnektivität, das mediale Angebot und die Fähigkeit, autonom fahren zu können. Aspekte wie die Motorleistung verlieren an Bedeutung. Die Automobilhersteller müssen auf jeden Fall umdenken, wenn sie erfolgreich am Markt bestehen wollen. Die Ingenieurskunst wird in 10 bis 20 Jahren nicht die entscheidende sein, warum sich Menschen für ein bestimmtes Modell entschei-den. Abgesehen davon wird es neue Formen der Mobilität geben.

Welche sind das?

Ich bin überzeugt davon, dass wir uns in Zukunft dreidimensional fortbewegen. Neben dem autonomen Fahren wird sich das autonome Fliegen durchsetzen. Fortbewegungsmittel sind dann kleine Drohnen, in die zwei bis vier Leute passen. In Dubai soll es bereits ab 2018 solche Velo-Taxis geben, die Passagiere von A nach B bringen. Insbesondere in den urbanen Zentren wird sich Mobilität maßgeblich weiterentwickeln.