Wie führt man eine Organisation, deren Auftrag Verlässlichkeit ist, durch eine Zeit, die Verlässlichkeit permanent infrage stellt? Vor den Führungskräften des Senators für Finanzen der Freien Hansestadt Bremen sprach Prof. Dr. Stefan Gröner über „Zukunft führen – Leadership zwischen Stabilität und Disruption“. Im Zentrum: Leadership, Künstliche Intelligenz und digitale Transformation – und die Frage, welche menschlichen Fähigkeiten gerade dann an Bedeutung gewinnen, wenn Maschinen immer mehr können.
Zum Vortrag:
Führung im öffentlichen Sektor steht vor einer besonderen Spannung. Verwaltung ist auf Stabilität gebaut: auf Rechtssicherheit, Gleichbehandlung, Nachvollziehbarkeit und Kontinuität. Genau diese Eigenschaften machen sie verlässlich – und genau sie geraten unter Druck, wenn technologische Entwicklungen schneller verlaufen als Planungs- und Entscheidungszyklen. Prof. Dr. Stefan Gröner beschrieb diese Spannung nicht als Widerspruch, den man auflösen müsste, sondern als Führungsaufgabe, die es auszuhalten und aktiv zu gestalten gilt.
Den Einstieg bildete eine nüchterne Einordnung der technologischen Lage. Generative Künstliche Intelligenz hat innerhalb weniger Jahre den Sprung von der Forschung in die Breite geschafft und verändert die Bearbeitung wissensintensiver Aufgaben grundlegend – also genau jener Tätigkeiten, die den Kern von Verwaltungsarbeit ausmachen: Texte erstellen, Sachverhalte prüfen, Informationen zusammenführen, Entscheidungen vorbereiten. Gröner zeigte anhand konkreter Beispiele, wo bereits heute messbare Entlastung entsteht, und ordnete zugleich ein, welche Erwartungen die Technologie derzeit nicht einlöst.
Der zweite Teil widmete sich der Frage, warum Transformation so selten an der Technik scheitert. Die Werkzeuge sind verfügbar, oft sogar kostenfrei. Was fehlt, ist meist anderes: klare Zuständigkeiten, eine belastbare Datengrundlage, der Mut zur Priorisierung – und Führungskräfte, die erklären können, was sich verändert und was bleibt. Gröner beschrieb das typische Muster gescheiterter Digitalisierungsvorhaben: viele parallele Pilotprojekte, wenig konsequente Skalierung, kaum Verbindung zu einem übergeordneten Ziel. Erfolgreich seien jene Organisationen, die wenige Vorhaben auswählen, diese aber sauber durchziehen und an einem klaren Nutzen messen.
Besonderes Gewicht legte der Vortrag auf die Frage der Verantwortung. In der Verwaltung tragen Entscheidungen unmittelbare Konsequenzen für Bürgerinnen und Bürger; Nachvollziehbarkeit ist kein Komfortmerkmal, sondern rechtliche Anforderung. Systeme, die plausibel klingende, aber faktisch falsche Aussagen erzeugen können, stellen deshalb eine besondere Herausforderung dar. Gröners Position war deutlich: KI kann vorbereiten, strukturieren, Varianten aufzeigen – die Entscheidung und die Verantwortung dafür bleiben menschlich. Führungskräfte müssen diese Grenze kennen, benennen und organisatorisch absichern.
Den Kern des Vortrags bildete die Frage nach den menschlichen Fähigkeiten. Je mehr analytische und produktive Aufgaben sich automatisieren lassen, desto stärker verschiebt sich der Wert menschlicher Arbeit auf das, was Maschinen nicht leisten: Urteilsvermögen in mehrdeutigen Situationen, in denen es keine eindeutig richtige Lösung gibt. Die Fähigkeit, Kontext zu erfassen und Interessen abzuwägen. Kommunikation, die Orientierung gibt, statt nur Informationen weiterzureichen. Und Vertrauen – die Ressource, die über die Akzeptanz jeder Veränderung entscheidet.
Gröner verband dies mit einer klaren Botschaft an die Führungsebene: Wer Veränderung verlangt, muss Sicherheit geben. Beschäftigte, die befürchten, durch Technologie ersetzt zu werden, entwickeln keine Neugier auf sie. Wer dagegen versteht, welche Routineanteile künftig wegfallen und welche anspruchsvolleren Aufgaben an ihre Stelle treten, kann Veränderung mittragen. Digitale Transformation sei deshalb weniger ein IT-Thema als eine Führungs- und Kommunikationsaufgabe.
Zum Abschluss schlug der Vortrag den Bogen zurück zur Ausgangsfrage. Stabilität und Disruption stehen nicht im Gegensatz – Stabilität ist vielmehr die Voraussetzung dafür, Veränderung überhaupt tragen zu können. Führung in der Verwaltung bedeutet, beides gleichzeitig zu halten: verlässlich im Auftrag, beweglich in den Mitteln. In den anschließenden Diskussionen wurde deutlich, wie unmittelbar diese Fragen den Arbeitsalltag der Teilnehmenden berühren.
Zur Veranstaltung:
Der Senator für Finanzen der Freien Hansestadt Bremen verantwortet die ressortübergreifende Führungskräfteentwicklung der bremischen Verwaltung. Über modulare Fortbildungsreihen und ein umfangreiches Fortbildungsprogramm werden Führungskräfte mit Personalverantwortung gezielt qualifiziert. Neben klassischen Führungsthemen rücken dabei zunehmend Fragen der Digitalisierung, der Veränderungsfähigkeit und der strategischen Vorausschau in den Mittelpunkt. Veranstaltungsformate für Führungskräfte bieten Raum für fachlichen Impuls, kollegialen Austausch und die Übertragung in die eigene Führungspraxis.